In Jössen brüten die Störche in diesem Jahr sogar spontan

Beringung von vier Jungstörchen in Hille-Wittloge. Das Weibchen wartet skeptisch ab, das Männchen fliegt an. Foto: Frank Marske

Beringung von vier Jungstörchen in Hille-Wittloge. Das Weibchen wartet skeptisch ab, das Männchen fliegt an. Foto: Frank Marske

Petershagen ist auch in diesem Jahr Storchenhauptstadt in NRW: Ganze 22 Paare beherbergen die 29 Ortschaften derzeit. Gegenüber dem Vorjahr sind das zwei Paare mehr und damit laut Aktionskomitee ein neuer Höchststand. Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt auch 2015 in der Weseraue.

Überraschend siedelte sich kaum 100 Meter vom traditionsreichen Storchenhorst der Familie Humke ein zweites Jösser Paar in einer starken Astgabel einer abgestorbenen Buche an und begann die Brut. Die Vögel bauten als einziges Paar im Kreis ein spontanes Naturnest. Der gewählte Nistplatz dürfte einer der schönsten im Storchenkreis sein.

In Windheim siedelte sich erstmals seit 20 Jahren ein Storchenpaar auf der geköpften Esche an der storchentraditionsreichen Straße Unter den Weiden an. Der Fährmast dagegen blieb unbesetzt.
In Hille brüten wie im Vorjahr 14 Paare. Erneut herausragend ist das Gelege von acht Eiern auf dem das Ortsbild krönenden Schornstein der ehemaligen Kornbrennerei Meyer. Fünf Jungvögel schlüpften und werden hoffentlich die zu erwartenden kalten Tage überstehen. 2014 hatte anhaltend nasskaltes Wetter die gesamte Brut vernichtet. Kreisweit blieben 43 Prozent der Storchenpaare ohne ausfliegende Junge.

Im Gebiet der Stadt Minden sind wiederum vier Horste besetzt. In Stemmer konnten bereits fünf Jungstörche beringt werden, alle kräftig und hoffentlich stabil genug, auch ungünstiges Wetter überstehen zu können. Eine erfolgreiche Fünfer-Brut ist im Kreis sehr selten, zuletzt gab es sie in Wittloge 2011, in Schlüsselburg 1990 und in Hartum 1974.
Besonders erfreulich ist laut dem Aktionskomitee auch die weitere Rückeroberung lange verlassener Storchenorte im Westen des Kreises. Erstmals seit 1992 brüten Störche wieder an der Großen Aue in Espelkamp. Unweit an der Kleinen Aue, für die in diesem Abschnitt Renaturierungspläne bestehen, brütete ein weiteres Paar. Eine Erstbesetzung erfolgte überraschend auch in Lübbecke-Stockhausen.Storchenkarte

Südlich der Bergkette Weser- und Wiehengebirge blieb es auch 2015 bei den Standorten Costedt und Tengern. Hoffnungen engagierter Gruppen in Wulferdingsen und Volmerdingsen erfüllten sich noch nicht.

Webcam und Infos auf www.stoerche-minden-luebbecke.de

Von Dr. Alfons Bense

Die „Zehenlose“ brütet in Raderhorst

Störche sind tapfer, das zeigt ein ungewöhnliches Beispiel aus Raderhorst: Obwohl die dort brütende Störchin nur eine Zehe hat, legte sie Eier. Für die Experten ein kleines Wunder.

Die Behinderung der Störchin fiel am 11. April auf, als das Tier von der Familie Stahlhut fotografiert wurde. Einem „Elefantenfuß“ nicht unähnlich endete das Bein der Störchin wie mit einem kleinen Stempel. Eine akute Verletzung gab es nicht, die Störchin schien auch nur wenig eingeschränkt, so das Aktionskomitee. Sie humpelte leicht und es fiel auf, dass sie üblicherweise am festen Nestrand, nicht in der weicheren Mitte stand.

Wie war die Amputation zu erklären, die wegen Funktionseinbußen, Blutverlust und Infektionsgefährdung eigentlich lebensgefährlich sein müsste? Roswitha Löhmer-Eigener, Storchenbetreuerin im Nachbarkreis Nienburg, brachte Licht ins Dunkel. 2010 war an einem Jungstorch in Landesbergen der Zehenverlust linksseitig aufgefallen. Langsame Abschnürung durch Bindegarn im Nistmaterial oder eine eingetragene Angelschnur hatte die Blutzufuhr unterbunden und die Zehen ohne offene Verletzung infektionslos absterben lassen. Ein so abgebundenes totes Glied kann bald darauf abfallen.

Der Jungstorch flog aus und man räumte ihr kaum Überlebenschancen ein. Doch 2014 tauchte die Zehenlose in Rehburg am dortigen Horst auf, 2015 dann in Raderhorst. Am achten Tag der Brut war sie allerdings im Kampf einer Konkurrentin unterlegen, die das große Gelege mit sechs Eiern zerstörte und mit dem verbliebenen Männchen bald darauf eine eigene Brut begann. Die tapfere Zehenlose wechselte zunächst auf das Nest bei Lassowski in Bierde, ist aktuell jedoch bis auf weiteres verschollen. Vielleicht kann ihr irgendwann einmal sogar die Aufzucht von Jungen trotz ihrer Behinderung gelingen.

Der Störchin aus Raderhorst fehlen am linken Fuß alle Zehen.Foto: pr/ Elke Stahlhut

Der Störchin aus Raderhorst fehlen am linken Fuß alle Zehen. Foto: pr/ Elke Stahlhut

Orkan reißt Horste in die Tiefe

Erstmals seit 20 Jahren hat ein Paar eine Nisthilfe an der Straße Unter den Weiden in Windheim besetzt. Foto: Dr. Alfons Bense

Erstmals seit 20 Jahren hat ein Paar eine Nisthilfe an der Straße Unter den Weiden in Windheim besetzt. Foto: Dr. Alfons Bense

Am 30. und 31. März wütete der Orkan Niklas über Westeuropa. Orkanböen zogen auch Storchenhorste aus dem Kreis Minden-Lübbecke in Mitleidenschaft. Im Hiller Ortsteil Neuenbaum wurden große Teile eines Nestes mit vier Eiern heruntergerissen. Das Storchenweibchen verletzte sich an einem Bein schwer, war zunächst über Tage verschollen, kehrte dann jedoch zurück. Dennoch wurde es kurz darauf wenige Kilometer entfernt tot aufgefunden. Das Männchen fand jedoch eine neue Partnerin und begann eine neue Brut.

Dramatische Folgen und dennoch ein Happy End für die Störche gab es auch in zwei weiteren Orten. Der komplette Horst auf dem Schornstein des Hauses Berg in Hävern wurde am 31. März von einer Böe erfasst und stürzte ab. Die Störche waren unmittelbar vor Brutbeginn und stromerten nach dem Verlust des Horstes ratlos wirkend im Ort herum. Das Aktionskomitee „Rettet die Weißstörche“ und der Bauhof des Kreises lieferten bereits am Folgetag eine neue Nisthilfe in Form eines Dachreiters, die der Eigentümer am 2. April auf den First aufbringen ließ. Das Männchen baute daraufhin unmittelbar an dem neuen Nest, das Weibchen kehrte am 3. April zurück und legte einen weiteren Tag später das erste Ei ab, das bereits herangereift war. Die Rettungsblitzaktion wurde schließlich mit einem Gelege von vier Eiern belohnt.

Auch in Lahde wirbelte der Sturm die Storchenidylle auf: Nach Abklingen des Orkans wurde ein bereits brütendes unberingtes Storchenweibchen des Lahder Horstes Unterm Berge völlig ermattet aufgegriffen. Flügel und Ständer schienen verletzt. Eine Polizeistreife brachte das Tier zur Artenschutzstation Sachsenhagen, wo der Vogel zunächst intensiv betreut wurde. Röntgenaufnahmen schlossen die vermuteten Knochenbrüche aus, die Mediziner fanden jedoch anderes: Eine Luftgewehrkugel steckte im Körper des Vogels, außerdem ragte eine zirka 2,5 Zentimeter lange Metallspitze („wie von einem Dartpfeil“) aus ihm heraus, allerdings mit der Spitze nach außen. Die wahrscheinlichste Erklärung hierfür, so der Leiter der Station, sei die Aufnahme mit der Nahrung und die anschließende Durchwanderung des spitzen Metalls durch die Magen- und Bauchwand. Beide Verletzungen waren jedoch nicht mehr akut. Unter einem Fußballen des Storchs fand sich außerdem eine lochartige Strommarke. Das Tier muss von einem Stromschlag getroffen und lebensbedrohlich geschwächt worden sein.

Trotz ihrer vielen Verletzungen legte das Weibchen kurz nach der Aufnahme in der Voliere ein Ei. In Lahde bebrütete das Männchen noch zwei Tage allein das Gelege, wartete auf die Partnerin, musste dann jedoch aufgeben.

Aber das Glück kam zurück: Das Weibchen konnte am 7. April von der Station freigesetzt werden und fand bereits tags darauf den Weg zurück nach Lahde. Einige Tage später begann die neue Brut und in diesen Tagen erwartet das Aktionskomitee den Schlupf der Jungen.

Von Dr. Alfons Bense

Zwei Hiller Storchenküken zeigen sich

Foto: Rainer Eschedor

Foto: Rainer Eschedor

Ein schnelles Foto und dann waren sie auch schon wieder versteckt: Die Hiller Storchenküken waren am Freitag kurz zu sehen, als das Elterntier im Nest aufstand. Rainer Eschedor war schnell genug mit der Kamera da, um einen Schnappschuss zu machen. Dann war der Blick auf die Jungtiere auch schon wieder versperrt. Immerhin: Die beiden Geschwister sahen gesund und munter aus.